Vielleicht fragst Du Dich manchmal, wo eigentlich all die schlechte Laune und all der Hass herkommen. Von ständig nörgelnden Kollegen oder Freundinnen über die Massen abwertender Beiträge in den sozialen Medien bis hin zu Amokläufern und Terroristen.
Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv um ein Verständnis bemüht und beschreibe hier in sehr kompakter Form, was ich glaube, verstanden zu haben.
Warum tue ich das? Weil ich befürchte, dass durch das Nicht-Verstehen dieser Phänomene eine Eskalation noch zusätzlich befördert wird. Zum einen, weil alle Menschen, die sich nicht verstanden fühlen, grundsätzlich (unwillkürlich) noch „eine Schippe drauflegen“. Denn jeder Mensch, egal wie schräg oder verrückt oder abartig sein Verhalten uns scheint, möchte einfach gesehen werden, also wahrgenommen und verstanden. Sehr wichtig natürlich: Verstehen heißt nicht akzeptieren, gut finden oder nachmachen.
Die zweite Gefahr betrifft uns selbst. Wenn wir Wut, Aggression und Gewalt Anderer nicht verstehen, werden wir einen Hass auf diese Anderen entwickeln. Und genau damit selbst „auf die dunkle Seite der Macht“ gezogen, um eine sehr treffende Metapher aus der Star-Wars-Welt zu nutzen.
Die folgenden Erklärungen basieren auf der Lektüre und Reflexion vor allem folgender Quellen:
- Pankaj Mishra: Das Zeitalter des Zorns
- Erich Fromm: Die Anatomie der menschlichen Destruktivität
Wie können wir uns also den Zorn, die Wut, die Gewalt, den Hass, den Mangel an Empathie erklären? Nachfolgend einige unterschiedliche und sich ergänzende Perspektiven und Erklärungsansätze.
Menschen wollen wirken – und sei es destruktiv
Ein zentrales Grundbedürfnis des Menschen ist es, zu „wirken“. Um die Sinnhaftigkeit unserer Existenz zu erleben. Um Spuren zu hinterlassen. Um wahrgenommen und respektiert zu werden. Vermag ein Mensch dieses Bedürfnis in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext nicht konstruktiv zu erfüllen, so wandelt sich dieses Bedürfnis ins Destruktive: auch in der Zerstörung erlebt der Mensch Wirksamkeit.
Dies beginnt mit Akten der Sabotage, wenn mensch sich bei Entscheidungen und Veränderungen im eigenen sozialen Kontext (z.B. Schule oder Arbeitsplatz) nicht hinreichend beteiligt fühlt. Und es mündet schlimmstenfalls im Verlust jeglichen Mitgefühls und einer grotesken Lust an der Zerstörung.
Drei Zitate dazu aus sehr unterschiedlich Zeiten und Quellen:
1. Filippo Marinetti (Dichter, 1909, im „Manifest des Futurismus“)
„Wir wollen den Krieg preisen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörende Geste der Anarchisten, die schönen Gedanken, die töten, und die Verachtung des Weibes. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken zerstören, …“
2. Suwarin (fiktiver russischer Anarchist, 1885, in Emile Zola: Germinal)
„Alle Betrachtungen über die Zukunft sind sträflich, denn sie behindern die vollständige Zerstörung und den Lauf der Revolution. … Lasst mich in Frieden mit eurer Revolution! Zündet die Städte an allen vier Enden an, mäht die Völker nieder, rasiert alles weg; und wenn nichts mehr übrig ist von dieser verfaulten Welt, dann kommt vielleicht eine bessere an ihre Stelle“.
3. Marcel Grauf (Referent von Abgeordneten der AfD, Quelle: spiegel.de)
»Ich wünsche mir so sehr einen Bürgerkrieg und Millionen Tote. Frauen, Kinder. Mir egal. (…) Es wäre so schön. Ich will auf Leichen pissen und auf Gräbern tanzen. SIEG HEIL!«
Es wäre m.E. eine Fehleinschätzung, zu meinen, dass die Wähler von Trump und Co. nicht verstehen, dass sie damit die Demokratie in Gefahr bringen. Das Bestehende soll vernichtet werden. Dieser Impuls basiert nicht auf einer bewussten und rationalen Abwägung von zu erwartenden Vor- und Nachteilen. Sondern auf der affektgetriebenen Lust, sich zu rächen, es DENEN zu zeigen, in der Zerstörung die eigene Wirksamkeit zu erleben. Koste es, was es wolle.
Mich erinnert diese Wandlung von Menschen in Richtung Hass und Zerstörung – wie gesagt – an den Übergang zur „dunklen Seite der Macht“ der Star-Wars-Geschichten.
Erich Fromm bezeichnet dieses Phänomen als „negrophilen Charakter“, der sich im Menschen typischerweise entwickelt, wenn die Erfüllung wichtiger Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Stolz bzw. Würde sowie konstruktiver, also lebensbejahender Wirksamkeit nicht gelingt. In Krisen, von denen es aktuell ja einige gibt, steigt das Risiko, dass Menschen diese destruktive Seite ihrer Persönlichkeit stärker entwickeln. Diese Menschen realisieren dann in der Regel nicht, dass etwas mit ihnen passiert. Verantwortlich für ihren Hass sind vermeintlich immer die Anderen: wahlweise die Migranten, Frauen, Juden. Selbst ein Lastenfahrrad oder ein Windrad können zum Hassobjekt werden, da sie verbunden werden mit einer Haltung und einem Lebensstil, in der noch Hoffnung auf konstruktive Gestaltung besteht, auf nachhaltige Entwicklung, auf demokratische Prozesse. Und Hoffnung auf ein gutes, erfülltes Leben. Eine Hoffnung, die man/ frau selbst längst verloren hat und die man Anderen auch nicht mehr gönnt.
Menschliche Destruktivität gedeiht also da, wo es an Selbstreflexion und Selbstverantwortung fehlt („woher kommt meine Wut und wie gehe ich mit ihr um, ohne mir und Anderen zu schaden?“). Aber sie gedeiht auch im Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen nur sehr wenige Menschen erleben, dass die Versprechungen der Moderne, des Kapitalismus, der liberalen Demokratien hinsichtlich Selbstbestimmung, Mitgestaltung und gesellschaftlichem Erfolg erfüllt werden.
Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem produziert vor allem Enttäuschung
Pankaj Mishra spannt in seinem Buch einen weiten Bogen, von der Aufklärung und französischen Revolution bis in die Gegenwart. Er sieht länder- und systemübergreifende Muster. Zentral ist für ihn das Phänomen des „Ressentiment“. Gemeint ist eine in Wut, Zorn und manchmal auch in Gewalttätigkeit mündende Unzufriedenheit mit der eigenen gesellschaftlichen Position. Woher kommt diese Unzufriedenheit?
Seit der Aufklärung „ist Gott tot“. Die Menschen erlangten grenzenlose Freiheit, da sie sich weder Fürsten, Priestern noch Gott weiterhin unterwerfen mussten. Mit dieser Freiheit verbunden war das Versprechen der Aufklärer und der Verfechter von liberalen Demokratien, dass alle Menschen durch eigene Anstrengung ein erfolgreiches und erfülltes Leben finden können. Nun ist Erfolg aber immer relativ. Und im Vergleich zu den offensichtlichen Gewinnern, fühlen sich die meisten Menschen verständlicherweise als Verlierer. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Und die zwischen bekannt (viele Follower) und unbekannt ebenso. Die Enttäuschung wächst. Vor der Aufklärung konnten sich „Verlierer“ damit trösten, nach ihrem Tod belohnt zu werden. Das ist vorbei.
Schon Rousseau erwartete Entwurzelung, Selbsthass und rachsüchtigen Zorn als Reaktion auf eine Kommerzgesellschaft, die „den heiteren Fluss des Fortschritts in einen Mahlstrom verwandelte“. Und er erkannte, dass verletzte Ehre und der Wunsch nach Größe stärkere menschliche Antriebe sind als ökonomische Motive.
Adorno schreibt von einem „gewalttätigen und irrationalen Aufbegehren“ gegen eine Zivilisation, in welcher sich viele Menschen wie in einem dichten Netz gefangen und eingesperrt fühlen.
Viele weitere „Denker“, wie Schiller, Weber, Marx und Marcuse kritisierten die Vergötterung der Nützlichkeit, ihrer instrumentellen Vernunft und ihrer Deformation des Seelenlebens.
Hannah Arendt sieht eine zentrale Ursache für die Entstehung totalitärer Systeme in einer atomisierten und auf individueller Konkurrenz basierenden Gesellschaft.
Die Verfechter eines freien und globalen Marktes haben sich und anderen immer eingeredet, dieser würde weltweit für Frieden und Wohlstand sorgen. Und sowohl die sozialen wie auch die ökologischen Verwerfungen ausgeblendet.
Vor der Aufklärung waren die Menschen nicht frei, aber sie hatten ihren festen Platz in der Gesellschaft. Heute sind wir frei. Jedoch zu dem Preis einer gnadenlosen Konkurrenz. Diese ist in unserem Leben allgegenwärtig und produziert unterm Strich deutlich mehr Enttäuschung als Befriedigung. Und wir spielen dabei mit, ohne es wahrzunehmen oder gar zu hinterfragen. Wir vergleichen unser Einkommen, unser Aussehen, unsere Autos und Wohnungseinrichtungen, unsere Urlaube usw. Wenn wir Kinder haben, vergleichen wir – ab der Geburt – Körpermaße, Schulnoten, sportliche Erfolge usw.
Ist das eigene Selbstwertgefühl erst einmal abhängig vom gefühlten sozialen Ranking, ist die Abwertung Anderer logische Konsequenz: „Ich disse, also bin ich“.
Unsere Seelen verlangen nach Größerem als die Welt uns bietet
Wir Menschen haben ein weiteres wichtiges Grundbedürfnis (neben der Wirksamkeit, siehe oben/ Punkt 1): das Bedürfnis nach Verbundenheit. Dieses geht über den Wunsch nach starken, freundschaftlichen, bestenfalls liebevollen Beziehungen zu anderen Menschen hinaus. Wir haben eine Sehnsucht, Teil von etwas Größerem zu sein. Früher wurde diese Sehnsucht durch den Glauben an Gott befriedigt. Autoritäre politische Führer haben schon immer versucht, diese Sehnsucht auf die eigene Nation und ihre Person zu lenken. Und sie tun es noch heute. Und da seit der Aufklärung alles Magische, Spirituelle, Beseelte, Verwunschene aus unserem Leben verschwunden ist und gleichzeitig die gesellschaftliche Position meist unbefriedigend und gar von weiterem Abstieg bedroht ist, haben diese Verführer leichtes Spiel. Sie geben den gefühlt Abgehängten oder Bedrohten das Gefühl, verstanden zu werden. Und sie lenken ihren Zorn auf die üblichen Feinbilder, vor allem auf Minderheiten und vermeintlich Fremde. Und auf die „Eliten“. Die, wie böse Eltern oder Lehrer/innen, alles besser wissen und einem alles vorschreiben. Und gegen die man/frau jetzt trotzig und aggressiv aufbegehrt.
Zur eigenen Rechtfertigung für Wut und Ärger glaubt man gerne auch an jeden Blödsinn. Es ist logisch nicht nachvollziehbar, warum so viele Menschen Verschwörungstheorien auf den Leim gehen, psychologisch schon:
1. Wir Menschen sind nicht durch und durch vernünftig. Unsere „Seelen“ wünschen sich „Magie“, Irrationalität, Emotionalität. Und wenn wir nichts Besseres finden, um diesbezüglich satt zu werden, nehmen wir halt Verschwörungstheorien.
2. Wir Menschen wünschen uns eine klare und uns stabilisierende Identität. Viele Menschen finden diese jedoch nur in Verbindung mit Abgrenzung, Feinbildern und Gefühlen der Überlegenheit.
3. Wir Menschen wünschen uns Kontrolle durch Übersichtlichkeit. Daher schätzen die meisten Menschen einfache Erklärungen und Lösungen deutlich mehr als komplexe und differenzierte. Die überfordern und verunsichern eher.
Der junge Protagonist in dem verfilmten Roman „Life of Pi“ („Schiffbruch mit Tiger“) verkörpert sehr berührend und überzeugend das menschliche Bedürfnis nach Verbundenheit mit etwas „Großen“, z.B. im Glauben an Gott.
Die deutschen Romantiker erkannten ebenfalls dieses Bedürfnis. Sie kritisierten wie Rousseau die Kälte einer Gesellschaft, die sich ausschließlich an Nützlichkeiten und Profiten orientiert, zu Lasten traditioneller Gemeinschaften sowie jeglicher Schönheit, Poesie und Verzauberung. Leider sahen sie – wie Rousseau – die Lösung im Nationalismus.
Ein dritter Weg, zwischen Voltaire und Rousseau, als Verbindung von Rationalität und Spiritualität, von Individualismus und Solidarität ist noch nicht mal im Ansatz erkennbar. Dafür braucht es wohl noch etwas Zeit. Die Sehnsucht danach spielt auch im „Zauberberg“ von Thomas Mann eine große Rolle. Wenn sich der Protagonist wünscht, dass der Jesuit und der Freimauer, die sich ständig rechthaberisch streiten, stattdessen das Gemeinsame suchen sollten. Und als er in einer Nahtoderfahrung die Vision eines glücklichen und friedlichen Zusammenlebens aller Menschen hat.
Ein Autor hat schon vor Jahrzehnten für mich sehr überzeugend die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Analyse und dem Erleben von Ganzheitlichkeit und Spiritualität, beschrieben. Die beeindruckenden Parallelen zwischen Erkenntnissen der Teilchenphysik und der Mystik von Buddhismus und Taoismus: Fritjof Capra – Der kosmische Reigen.
Wie bleiben wir gesund und optimistisch?
„Der Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten. Die Menschen sind davon abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach außen zu schlagen. Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion“. (Adorno)
Zu dieser Selbstreflexion gehört m.E. zentral die Frage welchen „Wolf wir füttern“, den weißen oder schwarzen Wolf in uns (diese Metapher findest Du ggf. schnell im Internet). Auf der Selbstreflexion beruht die Selbstverantwortung: alles was wir tun und kommunizieren, oder auch nur liken, stärkt bestimmte Haltungen in der Gesellschaft.
Mit jedem abwertendem Kommentar, den wir verfassen oder lediglich liken und teilen, füttern wir diesen „dunklen Wolf“ in uns und in der Gesellschaft. Wir sind nicht im Recht, weil der/ die Andere doch das und das gesagt oder getan hat. Für unseren Hass sind wir allein verantwortlich.
Also: tapfer die Welt und andere Menschen nehmen, wie sie sind. Und stabil bleiben. Sich nicht provozieren lassen. Zum Beispiel, wenn auf der Autobahn jemand aggressiv fährt. Gebe ich diesem Menschen die Macht über meine Gefühle? Im Leben nicht! Das wäre für mich eine konstruktive und lebensbejahende Haltung.
Zur Selbstverantwortung gehört die Fähigkeit zur Selbststeuerung: bewusst das halb volle Glas wahrnehmen und nicht (automatisch) das halb leere Glas. Am Ende des Tages das Schöne feiern (auch, aber auf keinen Fall ausschließlich die erbrachten Leistungen!), statt sich über Misserfolge oder noch Unerledigtes zu ärgern oder zu sorgen. Sich nicht aufregen, über Menschen oder Gegebenheiten, die nun mal so sind. Aber Wut zulassen, wenn Andere unsere Würde verletzen. Als „ICH-Botschaft“, nicht als Gegenangriff oder Rache! Und Trauer zulassen, wo wir Verluste erleiden.
Und wenn uns all dies aber oft schwerfällt? Wenn sich bei der Vorstellung, sich an diesen Ideen und Werten zu orientieren, sehr deutlich innere Anteile (Gedanken, Gefühle) melden, die diese Vorstellung abwegig und unfair finden: „Wenn …, dann muss ich doch!“ Dann fehlt genau diese innere Freiheit, Selbstverantwortung und Selbststeuerungsfähigkeit. Und könnte aber Schritt für Schritt wieder gewonnen werden. So wie Adorno sich das gewünscht hat. Meinen Vorschlag und meine konkrete Unterstützung dazu findet Ihr auf
https://nedler-beratung.de/resilienz.html
Die sehr fordernde und auf Konkurrenz setzende Kultur, in der wir leben, hat in uns Allen tiefe Wurzeln geschlagen, in Form von Überzeugungen („Glaubenssätzen“). Es ist ein spannender und lohnender Prozess, diese zu hinterfragen und ggf. durch konstruktivere und lebensbejahendere zu ersetzen.
